Schulverweigerung5 Min. LesezeitVater eines 11-Jährigen

Mein Sohn wollte plötzlich nicht mehr in die Schule

Dreizehn Morgen lang Bauchweh, Tränen, Türenknallen – und ich wusste nicht, ob ich ihn zwingen oder zuhören sollte. Was wirklich geholfen hat, war weder das eine noch das andere.

Wie es begann

Fünfte Klasse, Gymnasium, zweites Halbjahr. Er war nach den Weihnachtsferien zurückgekommen und ab dem dritten Schultag fing es an: Bauchweh um 6:40 Uhr, Tränen um 7:10 Uhr, und um 7:25 Uhr die Tür, die so zuschlägt, dass die Bilder im Flur zittern. Meine Frau und ich haben es zuerst als „Nachwirkung der Ferien“ weggeredet. Nach der zweiten Woche konnten wir das nicht mehr.

Am dreizehnten Morgen in Folge saß er im Pyjama auf der untersten Treppenstufe und hat einfach nicht mehr reagiert. Nicht trotzig – leer. Ich hatte schon den Satz im Mund: „Jetzt reiß dich zusammen, das ist die Schule.“ Ich habe ihn stehen lassen und mich neben ihn gesetzt. Stumm. Ich wusste in dem Moment wirklich nicht, was richtig ist.

Wir haben ihn an diesem Tag zu Hause gelassen. Das war meine schwerste Entscheidung in dem ganzen halben Jahr – weil ich gedacht habe, ich züchte mir gerade einen Schulschwänzer heran. Meine Mutter am Telefon hat gesagt, das mache man nicht. Meine Frau hat gesagt, wir probieren es einmal. Ich bin mit ihm in den Stadtpark gegangen und habe nichts gefragt. Nach zwanzig Minuten hat er angefangen zu reden.

Er ist nicht in die Schule gegangen, weil er nicht wusste, wo er zur Pause stehen soll.

Sein bester Freund hatte über die Ferien die Sitzordnung gewechselt. Die Clique, in der er sich bis Dezember sicher gefühlt hatte, war nicht mehr dieselbe. Zur großen Pause hatte er niemanden mehr, zu dem er zuerst gehen konnte – und für einen Fünftklässler ist der Schulhof ohne Anker ein Ort, vor dem man sich wehrt mit Bauchweh. Es ging nicht um Stoff, nicht um eine Lehrerin. Es ging um die drei Meter zwischen Klassenraumtür und Schulhof.

Ich habe am Nachmittag die Klassenlehrerin angerufen. Nicht mit „mein Sohn verweigert die Schule“, sondern mit „kann ich Ihnen etwas erzählen, was mir gestern aufgefallen ist“. Sie hat die Sitzordnung am nächsten Tag neu gemacht – nicht ostentativ, sondern so, wie sie es eh einmal im Monat macht. Sie hat mir später gesagt, sie war froh, dass ich angerufen habe, bevor es vier Wochen so ging.

„Ich hab gedacht, das wächst sich aus“ – und in vier Wochen wäre es kein Sitzordnungs-Thema mehr gewesen, sondern ein Schul-Thema.

Am Morgen danach ist er wieder hingegangen. Nicht frohlockend, aber ohne Tränen. Das Bauchweh kam in der Woche darauf noch zweimal – jedes Mal mittwochs, und wir haben irgendwann gemerkt, dass der Mittwoch der Tag ist, an dem seine alte Clique zusammen eine AG hat, in der er nicht ist. Da ging es dann um eine andere Frage.

Was geblieben ist

Was wir dabei gelernt haben: „Ich will nicht“ aus einem Elfjährigen ist fast nie Bockigkeit. Es ist meistens ein Satz, für den ihm das zweite, bessere Wort fehlt. Und der eine Tag zu Hause, den ich mir selbst kaum verziehen habe, war der Tag, an dem wir das zweite Wort zusammen gefunden haben.

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