Pubertät6 Min. LesezeitVater eines 13-Jährigen

Drei Wochen ohne Smartphone — wir beide haben überlebt

Ich habe ihm sein Handy abgenommen — drei Wochen, nicht zur Strafe, sondern weil wir beide gerade nicht mehr klargekommen sind. Was in diesen drei Wochen passiert ist, hat mich mehr über meinen Sohn gelehrt als die zwei Jahre davor.

Wie es begann

Siebte Klasse, Gymnasium, Frühjahr. Mein Sohn hatte sein erstes Smartphone seit ungefähr 14 Monaten. Zuerst lief es gut, ab Weihnachten kippte es: Discord-Streit nachts um halb eins, ein TikTok-Video, in dem er einen Mitschüler heimlich gefilmt hatte und das in der Klasse rumging, drei Konflikte mit der Lehrerin, weil das Handy unter dem Tisch leuchtete. Ich habe ihn an einem Sonntag im März in seinem Zimmer abgepasst, nicht wütend, eher müde, und gesagt: „Ich brauche eine Pause. Wir geben dein Handy für drei Wochen ab.“

Er ist explodiert. Nicht laut, aber sehr lange — vierzig Minuten lang, in denen er erklärt hat, warum jeder seiner Mitschüler eines hat, dass das soziale Selbstmord sei, dass ich keine Ahnung habe wie das heute läuft. Ich habe nicht widersprochen. Ich habe nur gesagt: „Du hast wahrscheinlich recht. Drei Wochen. Wir reden nochmal danach.“ Mein erster Instinkt war, mit Argumenten zurückzuschießen — es war besser, dass ich es nicht getan habe.

Die ersten drei Tage waren furchtbar. Er ist zur Schule gegangen, wieder gekommen, hat sich in sein Zimmer gesetzt und mit niemandem geredet. Mit meiner Frau hat er weiter geredet, mit mir nicht. Ich habe das ausgehalten. An Tag vier hat er beim Abendessen gesagt: „Ich weiß auch nicht, was ich mit dem ganzen Abend machen soll.“ Das war der Satz, an dem ich gemerkt habe: er hat sich nicht über das Verbot geärgert. Er hat sich überfordert mit der Stille gefühlt, die jetzt da war, wo vorher das Handy war.

Es war nicht das Handy, das ihm fehlte. Es war die Antwort auf die Frage, was man sonst tut.

Wir haben in der ersten Woche zusammen ein altes Handball-Spiel auf dem Flur ausgepackt, das er in der vierten Klasse gespielt hatte. Wir sind drei Abende hintereinander zur Sporthalle, weil er gefragt hat, ob ich „mal wieder“ schießen will. Ich war überrascht. Mein Sohn ist zwölf Jahre alt, er war bis dahin keiner, der im 21-Uhr-Halbdunkel mit seinem Vater eine Sporthalle aufschließt. Er war es geworden. Nicht weil ich besonders weise reagiert hatte, sondern weil das Vakuum nach dem Handy gefüllt werden wollte.

Schule lief in diesen Wochen besser als die drei Monate davor. Eine Lehrerin hat mich nach zwei Wochen angerufen und gefragt, ob etwas zu Hause passiert sei, „weil er so wach mitmacht“. Ich habe nicht erzählt, dass ich ihm das Handy abgenommen habe — er hatte mich darum gebeten, der Schule nichts zu sagen, und das war fair. Es war seine Pause, nicht meine Erziehungs-Anekdote.

Mein Sohn hat in den drei Wochen kein einziges Mal nach dem Handy gefragt. Aber an Tag 18 hat er gesagt: „Eigentlich ist es ganz angenehm.“

Wir haben nach drei Wochen zusammen am Küchentisch gesessen und über die Rückgabe geredet. Ich habe ihn gefragt: „Was wäre, wenn du in der ersten Woche zurück Regeln entwirfst, statt dass ich sie mache?“ Er hat sich Sonntagabend hingesetzt, eine halbe Stunde gebraucht und vier Regeln aufgeschrieben — drei davon waren strenger als das, was ich vorher von ihm verlangt hatte. „Handy bleibt ab 21 Uhr in der Küche.“ „Beim Hausaufgaben-Machen liegt es im Wohnzimmer.“ „Keine privaten Nachrichten in der Schule, auch nicht in der Pause.“ „Wenn ich zwei Wochen am Stück halte, dürfen wir die Regeln nochmal anpassen.“

Er hat es nicht zwei Wochen am Stück gehalten. Er hat es eineinhalb Wochen gehalten, dann ist er einmal in der Schule wieder daran erwischt worden, und wir haben das Gespräch nochmal aufgemacht — diesmal ohne Handy-Entzug, sondern mit der Frage „Was hat dich da reingezogen?“. Er hat ehrlich geantwortet. Es ging um eine WhatsApp-Gruppe, in der ein Streit lief und er Angst hatte, dass etwas über ihn geredet wird, wenn er nicht reinguckt. Wir haben über Gruppendynamiken geredet, nicht über Regeln.

Was geblieben ist

Heute, ein halbes Jahr später, hat mein Sohn das Handy meistens entspannter dabei. Es passiert ihm noch, dass er zu lange bei TikTok hängt, dass er in der Schule unter dem Tisch guckt. Aber wir haben ein Verhältnis dazu — kein perfektes, ein verhandelbares. Was bei mir geblieben ist: Die drei Wochen waren nicht eine Strafe und keine Erziehung. Sie waren eine Pause, in der wir beide das Handy nicht mehr zwischen uns hatten und festgestellt haben, wie nah wir uns trotz allem waren.

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