Prüfungsangst5 Min. LesezeitMutter einer 14-Jährigen

Nächste Woche ist Prüfungszeit und mein Kind bricht zusammen

Montagabend, Schularbeit am Mittwoch. Sie saß auf dem Bett, konnte nicht mehr atmen, konnte nicht mehr lernen, konnte nicht mehr. Ich habe das Lernen an diesem Abend abgesagt – und genau das war der Wendepunkt.

Wie es begann

Gesamtschule, achte Klasse, Schularbeitenwoche. Mittwoch stand die Mathe-Arbeit an, Freitag die Englisch-Arbeit, Montag davor die Geschichte-Wiederholung. Sie hatte seit Freitag jeden Tag mindestens drei Stunden gelernt – aus eigenem Antrieb, nicht weil wir gedrückt hätten. Am Montagabend gegen neun fand ich sie in ihrem Zimmer auf dem Bett, die Hefte um sie herum, den Atem flach und schnell, den Blick starr auf einen Punkt über dem Schreibtisch.

Ich habe mich neben sie gesetzt, ohne zu reden. Ich hatte wirklich keinen Plan. Mein Kopf sagte: „Sie muss jetzt trinken, sie muss atmen, sie muss Mathe können.“ Mein Bauch sagte: „Halt einfach die Hand.“ Ich habe auf den Bauch gehört. Nach ein paar Minuten hat sie angefangen zu weinen – nicht das stille Weinen, sondern das, das aus der Brust kommt, wenn sich etwas löst. „Ich kann nicht mehr. Ich schaff das nicht. Ich will gar nichts mehr.“

Ich habe das Mathe-Buch zugeklappt. Alle Hefte zusammengeschoben, weggestapelt auf dem Schreibtisch. Und gesagt: „Okay. Heute Abend ist Schluss. Wir lernen heute nichts mehr.“ Sie hat mich angeschaut, als hätte ich etwas Ungesetzliches vorgeschlagen. „Aber Mittwoch. Du weißt doch, Mittwoch.“ Ich habe gesagt: „Mittwoch ist auch dann noch Mittwoch, wenn du heute Abend nichts mehr machst.“

Ich habe gemerkt, dass ich ihr nicht beim Lernen helfen musste. Ich musste ihr erlauben, aufzuhören.

Wir sind runter in die Küche, haben uns Tee gemacht, und dann haben wir eine halbe Stunde lang etwas gemacht, das ich seit Jahren nicht mehr mit ihr gemacht hatte: Kartoffelsalat für den nächsten Tag geschnippelt, zusammen, mit Radio leise im Hintergrund. Sie hat nichts Inhaltliches erzählt. Sie hat irgendwann angefangen, über einen Film zu reden, den sie mit einer Freundin gesehen hatte. Einmal hat sie gelacht. Ich habe gesehen, wie ihr Atem ruhig wurde, einfach weil die Hände etwas anderes taten als Formeln.

Vor dem Schlafen haben wir noch zehn Minuten auf ihrem Bett gesessen und ich habe gesagt: „Ich glaube, du hast genug gelernt. Du machst dich gerade nicht besser, du machst dich nur müder.“ Das war nicht rhetorisch gemeint. Ich habe das wirklich so gesehen. Sie hat nickend zugehört, dann gesagt: „Wenn ich morgen nochmal eine Stunde lerne – aber nur eine – ist das okay?“ Ich habe ja gesagt. Es war ihr Plan, nicht meiner.

Der Wendepunkt war nicht, dass ich ihr etwas erklärt hätte. Es war, dass ich ihr den Druck abgenommen habe, den sie sich selbst gemacht hat.

Am Mittwoch ist sie ruhiger als sonst aus dem Haus. Die Arbeit war eine Drei – nicht ihre Bestnote, aber genau in ihrem Durchschnitt. Wichtiger war, was am Abend danach passierte: sie hat mir am Küchentisch gesagt, sie hätte das Gefühl, sie könne mich in Zukunft anrufen, wenn es „zu viel“ wird, ohne dass ich anfange, den Stoff mit ihr durchzugehen. Das war die eigentliche Ausbeute dieses Montagabends.

Was geblieben ist

Ein halbes Jahr später, vor der nächsten Prüfungswoche, ist sie am Sonntag von sich aus gekommen und hat gesagt: „Ich glaube, ich muss heute einen freien Abend machen, sonst kippt es wieder.“ Genau darum ging es. Nicht dass sie nie wieder einen schweren Abend hat. Sondern dass sie weiß, dass Aufhören Teil der Vorbereitung ist – und dass ich derjenige Mensch im Haus bin, der ihr dabei hilft, nicht derjenige, der dagegen argumentiert.

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