Mobbing5 Min. LesezeitVater eines 10-Jährigen

Lukas hat ihn aussortiert. Wir saßen sprachlos in der Küche.

Sein bester Freund seit der ersten Klasse hat ihn nach den Sommerferien einfach abgeschnitten. Keine Erklärung, kein Streit – nur ein Stuhl, der plötzlich nicht mehr neben ihm stand. Vier Wochen lang wussten wir nicht, wie wir das mit ihm aushalten sollen, ohne es schlimmer zu machen.

Wie es begann

Vierte Klasse, Grundschule, Anfang September. Mein Sohn ist nach den Sommerferien zurück, freut sich auf den ersten Schultag, weil sein bester Freund Lukas wieder da ist. Sie waren seit der ersten Klasse unzertrennlich – Hofpause, Geburtstage, Schwimmkurs zusammen. Am dritten Schultag kommt mein Sohn nach Hause, lässt den Rucksack im Flur, geht ins Zimmer und macht die Tür zu. Beim Abendessen sagt er: „Lukas sitzt jetzt mit Jonas. Er hat in den Ferien neue Freunde gefunden.“

Mein Mann und ich haben uns kurz angeschaut. Wir hatten eine ganze Bibliothek von Vater-Eltern-Sätzen bereit – „das wird wieder“, „du findest neue Freunde“, „wer braucht Lukas, wenn er so reagiert“. Ich habe zum Glück nichts davon gesagt. Mein Sohn hat keinen Trost gewollt. Er hat erstmal nur einen Ort gewollt, an dem er traurig sein darf, ohne dass jemand sofort an einer Lösung bastelt.

Ich habe gesagt: „Das tut bestimmt richtig weh.“ Er hat nicht geantwortet, hat seine Spaghetti gegessen, ist nach 15 Minuten ins Zimmer. Ich bin liegengeblieben am Esstisch, weil ich keine Ahnung hatte, was richtig war. Mein Mann hat irgendwann gesagt: „Vielleicht müssen wir das einfach mit ihm aushalten.“ Aushalten – das war ein Wort, das ich für mich selbst noch nicht durchdekliniert hatte.

Mein erster Reflex war, etwas zu reparieren. Mein zweiter, der lange brauchte: dass es hier nichts zu reparieren gibt – nur etwas zu begleiten.

Die ersten zwei Wochen waren schwer. Mein Sohn ist morgens still in die Schule, kam mittags still zurück, hat weniger gegessen, hat nicht mehr von sich aus erzählt. Ich habe das fünfmal pro Tag gespürt – diesen Drang, ihn zu fragen „wie war Lukas heute?“. Ich habe es jedes Mal verschluckt. Ein Vater eines Klassenkameraden hat mir am Schultor gesagt: „Lukas und Jonas sind jetzt eine Sache, das hört sich auch in zwei Wochen wieder auf.“ Tat es nicht.

Was wir gemacht haben, war: Strukturen schaffen, in denen er andere Kinder treffen konnte, ohne dass es nach einem „Ersatz für Lukas“ aussieht. Wir haben den Geburtstag drei Wochen vorgezogen und ihn ein Sport-Mottoparty machen lassen. Er hat selbst eingeladen, und es kamen fünf Kinder – nicht Lukas. Eines davon, ein Junge namens Erik, mit dem mein Sohn vorher nur am Rand etwas zu tun hatte, war den ganzen Nachmittag unzertrennlich von ihm. Das war Zufall – aber ein günstiger Zufall.

Wir konnten nicht verhindern, dass es weh tut. Wir konnten Räume schaffen, in denen etwas anderes wachsen darf.

Drei Wochen später hat mein Sohn beim Zubettgehen erzählt, ohne dass ich gefragt hatte: „Erik und ich machen morgen ein Lego-Projekt.“ Es war kein Triumph-Satz. Es war ein normaler Satz, von einem Jungen, der sich neu sortiert hatte. Ich habe das gehört und in der Küche kurz angefangen zu weinen, weil ich gemerkt habe, wie sehr ich vier Wochen lang dieselbe innere Last getragen hatte wie er.

Mit Lukas ist es bis heute nicht wieder so wie früher. Sie reden miteinander, sie spielen manchmal in der Pause, aber die enge Freundschaft ist weg. Mein Sohn hat irgendwann im Frühjahr selbst gesagt: „Ich glaube, Lukas und ich passen nicht mehr so gut.“ Das hat nicht bitter geklungen. Es hat ruhig geklungen.

Was geblieben ist

Ein Jahr später hat mein Sohn zwei stabile Freunde – Erik und einen anderen Jungen, mit dem er Fußball spielt. Er ist nicht der gleiche wie vor Lukas: er ist vorsichtiger im Eingehen von Freundschaften, aber auch genauer darin, wer ihm guttut. Was bei mir geblieben ist: Trauer aushalten ist eine Eltern-Kompetenz, die niemand uns beibringt. Wir lernen sie mit dem ersten Mal, in dem wir merken, dass „aushalten“ nicht „nichts tun“ heißt. Es heißt: da sein, ohne wegerklären zu wollen.

Brauchst du Worte für deine Situation?

Beschreib in zwei Minuten, was bei dir los ist – Kinwords formuliert dir konkrete Sätze für das nächste Gespräch.

Zum Kinwords-Ratgeber

Weitere Eltern-Erfahrungen

Alle Berichte

Ein Ratgeber der Woche und ein Gesprächs-Starter, den du heute Abend mit deinem Kind ausprobieren kannst. Kein Spam, jederzeit abbestellbar.