Legasthenie bei Kindern: Zeichen erkennen, Diagnose bekommen, richtig begleiten
Kurz gesagt: Legasthenie ist eine Lese-Rechtschreib-Schwäche, die nichts mit Intelligenz zu tun hat. Du erkennst sie daran, dass dein Kind trotz normaler Intelligenz und ausreichender Übung beim Lesen und Schreiben deutlich hinter Gleichaltrigen zurückbleibt. Mit einer Diagnose hast du Anspruch auf Nachteilsausgleich in der Schule. Frühes Handeln macht den größten Unterschied.
Dein Kind übt täglich und gibt sich Mühe, aber Lesen bleibt mühsam und Schreiben steckt voller Fehler, die sich einfach nicht bessern. Das ist frustrierend, für dein Kind und für dich. Wenn dieses Muster über Monate anhält, kann Legasthenie die Ursache sein. Dieser Artikel erklärt, woran du sie erkennst, wie du eine Diagnose bekommst und was du in der Schule durchsetzen kannst.
Was Legasthenie ist und was sie nicht ist
Legasthenie (auch LRS, Lese-Rechtschreib-Störung) ist eine neurologisch bedingte Schwäche beim Verarbeiten von Schriftsprache. Das Gehirn eines Kindes mit Legasthenie verknüpft Buchstaben und Laute langsamer und weniger automatisch als bei anderen Kindern. Das hat nichts mit Faulheit zu tun und nichts mit mangelnder Unterstützung zu Hause.
Was Legasthenie nicht ist: ein Zeichen von geringer Intelligenz. Viele hochbegabte Kinder haben Legasthenie. Einstein, Richard Branson und viele andere bekannte Persönlichkeiten wurden damit diagnostiziert. Das ändert nichts an der täglichen Schwierigkeit, aber es hilft, das Bild gerade zu rücken.
Woran du Legasthenie erkennst
Kein Zeichen allein reicht für eine Diagnose, aber ein Muster mehrerer Anzeichen über längere Zeit ist ein deutlicher Hinweis:
- Dein Kind liest sehr langsam und rät häufig, anstatt Wörter zu entschlüsseln. Es überspringt Wörter oder liest sie falsch, auch wenn es die Buchstaben kennt.
- Beim Schreiben macht es immer wieder dieselben Fehler, die sich trotz Übung nicht reduzieren: Buchstaben werden gedreht (b/d, p/q), Silben ausgelassen, Wörter falsch zusammengeschrieben.
- Dein Kind liest deutlich schlechter als Gleichaltrige, obwohl es in anderen Bereichen keine Auffälligkeiten zeigt.
- Es weicht Lesen und Schreiben aus und erfindet Ausreden, um nicht vorlesen zu müssen.
- Es kann Wörter hören und verstehen, aber nicht aufschreiben, auch wenn es sie gerade noch gehört hat.
Wenn mehrere dieser Punkte über mehr als sechs Monate zutreffen, sprich mit der Klassenlehrkraft und bitte um eine Einschätzung. Oft wissen Lehrkräfte von Schwächen, haben aber noch nicht aktiv mit Eltern gesprochen.
Wie du eine Diagnose bekommst
Zwei Wege führen zur offiziellen Diagnose. Der erste: Bitte den Kinderarzt um eine Überweisung zu einem Kinder- und Jugendpsychiater oder einer klinischen Kinderpsychologin. Die Kasse übernimmt die Kosten, wenn der Arzt es als medizinisch notwendig einstuft. Der zweite Weg: Wende dich direkt an den schulpsychologischen Dienst deiner Stadt oder deines Landkreises. Dieser Dienst ist kostenlos und für genau solche Fälle da.
Beim Testtermin selbst wird dein Kind in der Regel standardisierte Lese- und Schreibtests machen, außerdem einen Intelligenztest zum Vergleich. Das dauert meistens zwei Sitzungen und ist für die meisten Kinder nicht belastend, wenn man ihnen vorher erklärt, dass es kein "richtiger" Test ist, bei dem man durchfallen kann.
Was du nach der Diagnose durchsetzen kannst
- Nachteilsausgleich: mehr Zeit bei Klassenarbeiten, geringere Gewichtung von Rechtschreibfehlern. Stelle einen schriftlichen Antrag bei der Schulleitung mit der Diagnose als Anhang.
- Zeugnisvermerk LRS: In einigen Bundesländern kann ein Hinweis im Zeugnis vermerkt werden, statt die Noten zu verschlechtern.
- Schulpsychologischer Dienst: kostenlose Beratung zur Förderplanung und zur Kommunikation mit der Schule.
Was zu Hause wirklich hilft
Täglich vorlesen ist die wirksamste Unterstützung, die du zu Hause geben kannst. Nicht dein Kind vorlesen lassen, sondern du liest vor. Das hält die Freude an Geschichten wach, während das Entziffern noch mühsam ist. Hörbücher sind ebenfalls gut: Sie zeigen deinem Kind, dass Lesen Spaß macht, sobald die technische Hürde wegfällt.
Beim Üben gilt: kurze Einheiten sind besser als lange. Zehn Minuten täglich bringen mehr als eine Stunde am Wochenende. Leg den Fokus auf eine Sache: entweder Lesen oder Schreiben, nie beides gleichzeitig. Und: Loben was klappt, nicht was noch nicht klappt. Kinder mit Legasthenie kämpfen täglich gegen Scham an. Jeder kleine Erfolg ist echte Leistung.
Professionelle Förderung: Was es gibt und was es kostet
Legasthenie-Therapeuten und LRS-Förderlehrkräfte sind auf genau dieses Problem spezialisiert. Viele arbeiten außerhalb der Schule in eigenen Praxen. Die Kosten liegen typischerweise zwischen 60 und 100 Euro pro Einheit. Einige Krankenkassen übernehmen einen Teil, wenn eine ärztliche Diagnose vorliegt. Frag deine Kasse direkt danach.
Innerhalb der Schule gibt es in vielen Bundesländern verpflichtenden LRS-Förderunterricht in kleinen Gruppen. Frag die Klassenlehrkraft oder die Schulleitung, was konkret an deiner Schule angeboten wird. Wenn nichts angeboten wird, hast du das Recht, das schriftlich zu erfragen und auf einen Förderplan zu bestehen.
Kinwords-Ratgeber für Eltern in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dieser Text ersetzt keine schulpsychologische oder medizinische Beratung.
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Häufige Fragen
Wie läuft eine Legasthenie-Diagnose ab?
Die Diagnose stellt ein Kinder- und Jugendpsychiater, ein Kinderpsychologe oder eine spezialisierte Lerntherapeutin. Sie testen Leseleistung, Rechtschreibung und kognitive Fähigkeiten — meistens in einer bis zwei Sitzungen. Die Kosten trägt in vielen Fällen die Krankenkasse, wenn ein Arzt die Untersuchung anordnet. Alternativ bieten viele Schulen einen Zugang zum schulpsychologischen Dienst an, der ebenfalls diagnostizieren und beraten kann.
Hat mein Kind mit Legasthenie Anspruch auf Nachteilsausgleich?
Ja, in allen deutschen Bundesländern. Mit einer ärztlichen oder schulpsychologischen Diagnose kann die Schule deinem Kind mehr Zeit bei Klassenarbeiten einräumen, Fehler in der Rechtschreibung weniger stark gewichten oder mündliche Prüfungen als Alternative anbieten. Wie der Nachteilsausgleich konkret aussieht, unterscheidet sich je nach Bundesland und Schulform. Stelle einen schriftlichen Antrag bei der Schulleitung und füge die Diagnose bei.
Was muss die Schule tun, wenn mein Kind Legasthenie hat?
Die Schule ist verpflichtet, auf eine diagnostizierte Legasthenie zu reagieren. Das umfasst mindestens: angepasste Beurteilung, Förderunterricht wenn verfügbar, und einen Nachteilsausgleich nach Antrag. Wenn du das Gefühl hast, dass die Schule nicht handelt, wende dich an das Schulamt oder den Elternbeirat. Du hast das Recht auf ein Gespräch mit der Schulleitung und auf schriftliche Antworten auf deine Anträge.
Ist Legasthenie vererblich?
Ja, es gibt eine deutliche genetische Komponente. Wenn du selbst oder ein naher Verwandter Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten hatte, ist das Risiko für dein Kind erhöht. Das bedeutet aber nicht, dass Legasthenie unveränderlich ist. Mit frühzeitiger, gezielter Förderung können Kinder sehr gute Strategien entwickeln und viele Bereiche der Schwäche deutlich reduzieren. Frühes Erkennen ist der wichtigste Faktor.
Redaktioneller Hinweis: Dieser Artikel wurde von der Kinwords-Redaktion verfasst und befindet sich derzeit in pädagogischer Review. Für konkrete schulpsychologische Einschätzungen wende dich an den schulpsychologischen Dienst deiner Stadt.
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