Erziehung6 Min. LesezeitKinwords Redaktion

Empathie fördern: Wie Kinder lernen, Mitgefühl zu zeigen

Kurz gesagt: Empathie ist keine Eigenschaft, mit der Kinder entweder geboren werden oder nicht. Sie entwickelt sich, und Eltern haben dabei großen Einfluss. Der wichtigste Faktor ist, wie Eltern selbst mit Gefühlen umgehen: Kinder lernen Empathie vor allem durch Beobachtung, nicht durch Anleitung.

Was Empathie wirklich ist

Empathie bedeutet, die Gefühle eines anderen Menschen wahrzunehmen und so zu reagieren, dass dieser Mensch sich gesehen fühlt. Das klingt einfach, ist aber eine komplexe Leistung. Dazu braucht ein Kind drei Dinge: Es muss die Gefühle des anderen überhaupt wahrnehmen können. Es muss verstehen, dass der andere anders fühlt als es selbst. Und es muss bereit sein, darauf zu reagieren, auch wenn es selbst gerade etwas anderes möchte.

Kleine Kinder können nicht alle drei Schritte gleichzeitig. Deswegen wirken 3-Jährige manchmal herzlos: Nicht weil sie kein Mitgefühl hätten, sondern weil sie noch nicht in der Lage sind, die eigenen Bedürfnisse zugunsten anderer zurückzustellen.

Was du als Elternteil tun kannst

Der stärkste Hebel ist dein eigenes Verhalten. Kinder beobachten, wie Eltern reagieren, wenn jemand traurig, verletzt oder wütend ist. Sie beobachten, ob du die Gefühle anderer ernst nimmst oder abtust. Diese Beobachtungen formen, wie sie selbst mit Gefühlen umgehen werden.

Konkrete Schritte, die wirken:

  • Gefühle benennen. Wenn dein Kind weint: "Du bist traurig." Wenn ein anderes Kind weint: "Schau, Leon weint. Er ist gerade sehr traurig." Das klingt banal, aber Kinder lernen durch genau diese Momente, Gefühle zu identifizieren.
  • Fragen stellen, nicht anweisen. Statt "Entschuldige dich!" lieber "Wie denkst du, hat sich Mia gefühlt, als du ihr das weggenommen hast?" Das führt das Kind durch den empathischen Gedankengang.
  • Bücher und Geschichten nutzen. Gute Kinderbücher sind Empathie-Training. Lies gemeinsam und frag: "Wie fühlt sich die Figur jetzt?" oder "Was würdest du tun, wenn du der wärst?"
  • Die eigenen Gefühle zeigen. Wenn du selbst traurig oder enttäuscht bist, sag es. "Ich bin heute ein bisschen traurig, weil..." zeigt deinem Kind, dass Erwachsene auch Gefühle haben und sie ausdrücken dürfen.

Was nicht hilft

Kinder zwingen, sich zu entschuldigen, lernt ihnen keine Empathie. Es lernt ihnen, dass eine bestimmte Formel in bestimmten Situationen gesagt werden soll. Das ist nicht das Gleiche.

Genauso wenig hilft es, die eigenen Gefühle als Kind herunterzuspielen oder wegzureden: "Das ist doch nicht so schlimm" oder "Hör auf zu weinen." Kinder, die lernen, dass ihre eigenen Gefühle nicht zählen, entwickeln schwerer ein Gefühl dafür, dass die Gefühle anderer zählen.

Wie lange es dauert

Empathie-Entwicklung ist ein langer Prozess. Mit 4 bis 5 Jahren können die meisten Kinder einfache Perspektivwechsel vollziehen. Mit 8 bis 10 Jahren können sie komplexere emotionale Situationen anderer einschätzen. Mit dem Eintritt in die Pubertät wird es oft wieder schwieriger, weil das eigene Innenleben dann so laut ist, dass andere kaum mehr Raum haben.

Rückschritte sind normal und kein Zeichen, dass etwas schiefgelaufen ist. Die Arbeit der frühen Jahre zahlt sich trotzdem aus, sie zeigt sich dann eben später.

Kinwords-Ratgeber für Eltern in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dieser Text ersetzt keine psychologische Fachberatung.

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Häufige Fragen

Ab welchem Alter können Kinder Empathie zeigen?

Erste Ansätze von Empathie zeigen sich schon im ersten Lebensjahr: Babys weinen mit, wenn andere Babys weinen. Mit etwa 18 Monaten beginnen Kinder, auf den Schmerz anderer zu reagieren und zu trösten. Mit 3 bis 4 Jahren können Kinder verstehen, dass andere Menschen andere Gefühle haben als sie selbst. Vollständige Empathie, also das Hineinversetzen in andere und das Anpassen des eigenen Verhaltens daraufhin, entwickelt sich bis ins Teenageralter weiter.

Mein Kind wirkt kalt und zeigt kein Mitgefühl. Soll ich mir Sorgen machen?

Kinder entwickeln Empathie unterschiedlich schnell. Manche Kinder sind von Natur aus weniger expressiv, zeigen Mitgefühl aber auf andere Weise. Wenn ein Kind dauerhaft und in vielen Situationen kein Mitgefühl zeigt, kein Interesse an anderen hat und auch auf deutliche Not anderer nicht reagiert, kann das ein Hinweis auf etwas sein, das abgeklärt werden sollte, zum Beispiel auf eine Entwicklungsverzögerung oder autistische Züge. Ein Gespräch beim Kinderarzt ist dann sinnvoll.

Wie erkläre ich meinem Kind Gefühle, wenn es noch sehr klein ist?

Durch Benennen: 'Du bist gerade traurig, weil du dein Spielzeug nicht bekommst.' oder 'Dein Freund weint. Wie glaubst du, fühlt er sich?' Das klingt simpel, ist aber einer der wirksamsten Wege. Kinder lernen Gefühle zuerst durch Namen kennen, bevor sie sie von innen heraus erleben. Bücher und Bilderbücher helfen ebenfalls, weil Kinder in Geschichten Empathie üben können, ohne selbst betroffen zu sein.

Hilft es, meinem Kind zu sagen, es soll sich in andere hineinversetzen?

Nur begrenzt. 'Stell dir vor, wie der andere sich fühlt' ist für Kinder unter 6 Jahren oft noch zu abstrakt. Wirksamer sind konkrete Fragen: 'Warum glaubst du, weint Lena?' oder 'Was brauchst du, wenn du traurig bist? Denkst du, Max braucht das auch?' Diese Fragen führen das Kind durch den Gedankengang, statt es anzuweisen, ihn selbst zu machen.

Redaktioneller Hinweis: Dieser Artikel wurde von der Kinwords-Redaktion verfasst und befindet sich derzeit in pädagogischer Review. Für konkrete rechtliche oder schulpsychologische Einschätzungen wende dich an die Schule, das Schulamt oder eine Fachkraft.

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