Ratgeber5 Min. LesezeitKinwords Redaktion

Eltern-Trennungsangst: wenn Loslassen schwerfällt

Kurz gesagt: Nicht nur Kinder haben Trennungsangst. Viele Eltern tun sich schwer damit, loszulassen, auch wenn sie das wollen. Das ist keine Schwäche, aber es wirkt sich auf das Kind aus. Kinder, die merken, dass ihre Eltern Angst vor ihrer Selbstständigkeit haben, zweifeln an der eigenen Kompetenz. Das kostet sie Mut.

Du weißt, dass dein Kind älter wird und mehr alleine schaffen sollte. Du willst loslassen. Aber wenn es dann so weit ist, rufst du noch einmal an. Oder du gehst mit, obwohl es gar nicht nötig gewesen wäre. Oder du fragst dreimal nach, wie es war, bis du sicher bist, dass wirklich alles in Ordnung ist.

Das ist nicht schlechtes Elternsein. Das ist Eltern-Trennungsangst. Und sie kommt häufiger vor, als viele denken.

Woher diese Angst kommt

Eigene Erfahrungen

Wer selbst als Kind etwas Schwieriges erlebt hat, ein Unfall, eine Krankheit, eine Zeit, in der niemand aufgepasst hat, trägt das oft mit. Die Schutzimpuls ist echt, aber er ist auf eine Gefahr von früher gerichtet, nicht auf die aktuelle Situation des Kindes.

Unsicherheit über die Welt

Nachrichten, Gespräche mit anderen Eltern, soziale Medien: Überall gibt es Berichte über Gefahren. Das erzeugt ein verzerrtes Bild davon, wie gefährlich die Welt wirklich ist. Eltern, die viel davon konsumieren, überschätzen statistische Risiken und unterschätzen, was Kinder können.

Identität als Elternteil

Manchmal ist das Gebraucht-Werden auch ein Teil der eigenen Identität geworden. Wenn das Kind selbstständig wird, verändert sich die Rolle. Das ist ein echter Verlust, auch wenn er gleichzeitig ein Gewinn ist. Das darf man anerkennen, ohne es zu einer Entschuldigung zu machen.

Was es beim Kind auslöst

Kinder lesen ihre Eltern sehr genau. Wenn ein Elternteil Angst ausstrahlt, wenn das Kind alleine etwas tun soll, lernt das Kind: Das muss gefährlich sein. Wenn Eltern immer wieder einspringen, lernt das Kind: Ich schaffe das alleine nicht.

Das ist nicht die Absicht. Aber das ist die Wirkung. Kinder, die nicht lernen dürfen, an sich selbst zu vertrauen, tragen das lange mit sich.

Was hilft

Kleine Schritte statt Alles oder Nichts

Loslassen ist kein Schalter. Es ist ein Prozess. Fang mit kleinen Situationen an, bei denen du dich zurückhältst, obwohl du eingreifen könntest. Beobachte, was passiert. Meistens: Das Kind löst es selbst. Das ist Beweis, nicht Zufall.

Den Impuls bemerken, bevor du handelst

Wenn du merkst, dass du eingreifen willst, frag dich kurz: Braucht mein Kind mich jetzt gerade wirklich? Oder brauche ich das? Wenn die Antwort "ich brauche das" ist, lass es trotzdem sein. Nicht weil dein Gefühl falsch ist, sondern weil das Kind dann Raum bekommt.

Deine Sorgen woanders hinbringen

Wenn die Angst groß ist, hilft es, sie nicht zu unterdrücken, sondern ihr einen anderen Ort zu geben. Mit dem Partner reden, aufschreiben, oder mit jemandem außerhalb der Familie sprechen. Je weniger die Angst an das Kind weitergegeben wird, desto leichter kann das Kind sich entfalten.

Erfolge sehen und benennen

Wenn dein Kind etwas allein geschafft hat, sag es. Konkret: "Du hast das heute selbst gemacht. Das war nicht selbstverständlich." Das stärkt nicht nur das Kind, sondern hilft auch dir, ein realistischeres Bild davon zu entwickeln, was dein Kind kann.

Weiterlesen

Häufige Fragen

Woher weiß ich, ob ich zu viel kontrolliere?

Eine Frage hilft: Kontrollierst du, weil dein Kind etwas braucht, oder weil du dir sonst Sorgen machst? Wenn die Antwort ehrlich lautet 'ich brauche das', dann ist Loslassen ein Thema für dich, nicht nur für dein Kind.

Mein Kind braucht mich wirklich noch sehr. Wie unterscheide ich das?

Beides kann gleichzeitig wahr sein: Dein Kind braucht dich und du hältst trotzdem zu eng. Der Unterschied liegt darin, wer Anstoß zum Loslassen gibt. Wenn dein Kind signalisiert, dass es etwas allein schaffen will, und du trotzdem eingreifst, ist das ein Hinweis.

Gibt es professionelle Unterstützung für Eltern, die loslassen lernen wollen?

Ja. Systemische Beratung, Familientherapie oder auch Selbsterfahrungsgruppen für Eltern können helfen. Es muss nichts Ernstes vorliegen, um sich Unterstützung zu holen. Manchmal reicht auch ein offenes Gespräch mit dem Kinderarzt oder dem Schulberater.

Redaktioneller Hinweis: Dieser Artikel wurde von der Kinwords-Redaktion verfasst und befindet sich derzeit in kinderpsychologischer Review. Für konkrete psychotherapeutische Einschätzungen wende dich an eine Fachkraft.

Weitere Beiträge in der Leseecke

Zum Magazin

Deine Situation ist anders?

Starte eine kostenlose Beratung, beschreib dein konkretes Anliegen und Kinwords gibt dir in zwei Minuten personalisierte Gesprächs-Formulierungen für genau deinen Fall.

Kostenlos starten

Ein Ratgeber der Woche und ein Gesprächs-Starter, den du heute Abend mit deinem Kind ausprobieren kannst. Kein Spam, jederzeit abbestellbar.