Kinder streiten: Soll ich entscheiden, wer recht hat?
Kurz gesagt: Die Frage "Wer hat recht?" ist meistens die falsche Frage. Hilfreicher ist es, Kinder dabei zu unterstuetzen, selbst eine Loesung zu finden. Das dauert laenger, hilft aber langfristig viel mehr.
"Mama, Lena hat mein Heft genommen!" "Stimmt gar nicht, er hat angefangen!" Zwei Kinder, zwei Wahrheiten, und du mittendrin. Wer hat recht?
Diese Frage stellt sich Eltern taeglich. Und die Antwort lautet meistens: Beide etwas. Keines vollstaendig. Und es ist nicht deine Aufgabe, das zu entscheiden.
Warum "Wer hat recht?" die falsche Frage ist
Wenn du als Elternteil entscheidest, wer im Streit recht hat, passieren zwei Dinge: Das Kind, das "verliert", fuehlt sich ungerecht behandelt. Und beide Kinder lernen, dass Streit ein Wettkampf ist, den man gewinnen oder verlieren kann.
Was Kinder aber brauchen, ist zu lernen, wie man Konflikte loest. Das lernen sie nicht dadurch, dass jemand anderes entscheidet, sondern dadurch, dass sie selbst ueben, Kompromisse zu finden, die eigene Perspektive zu erklaeren und die andere anzuhoeren.
Was hilft stattdessen
Beide Seiten anhoeren
Lass jedes Kind kurz erzaehlen, was aus seiner Sicht passiert ist, ohne Unterbrechung. Dann zusammenfassen: "Du sagst, das ist so passiert. Du sagst, das ist so passiert. Koennt ihr euch vorstellen, dass beide Seiten etwas dazu beigetragen haben?"
Auf Beduerfnisse lenken, nicht auf Fakten
Meistens geht es beim Streit nicht wirklich darum, wer recht hat, sondern darum, was jedes Kind braucht. Das Heft, das Spielzeug, Aufmerksamkeit, Anerkennung. Wenn du fragst "Was brauchst du gerade?" statt "Wer hat angefangen?", kommen Kinder oft schneller zu einer Loesung.
Loesung finden lassen
"Was koennt ihr tun, damit das fuer beide okay ist?" Kinder kommen oft auf ueberraschend gute Loesungen, wenn man ihnen die Frage stellt und genug Zeit gibt. Deine Aufgabe ist dann, die Loesung zu bestaetigen, nicht zu diktieren.
Wann du auf jeden Fall eingreifen solltest
Es gibt Situationen, in denen Abwarten falsch ist:
- Wenn es koerperlich wird. Schlagen, beissen, kratzen: Das muss sofort unterbrochen werden, ohne Diskussion.
- Wenn ein Kind deutlich schwaecher ist. Bei grossen Altersunterschieden oder wenn ein Kind systematisch ausgegrenzt oder gemobbt wird, kannst du nicht auf Selbstregulierung hoffen.
- Wenn Kinder sich nicht beruhigen koennen. Manchmal braucht es zuerst Abstand, bevor ein Gesprach sinnvoll ist.
Wenn Geschwister streiten
Bei Geschwistern ist die Versuchung besonders gross, immer wieder zu vermitteln. Das Ergebnis ist meistens, dass Geschwister lernen, Eltern als Schiedsrichter einzusetzen, statt selbst miteinander klarzukommen.
Wenn es keine Verletzungsgefahr gibt, kann es helfen, aus dem Raum zu gehen und die Kinder zu lassen. Manchmal loest sich ein Streit von selbst, wenn kein Publikum da ist.
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Haeufige Fragen
Soll ich als Elternteil entscheiden, wer im Streit recht hat?
Meistens nicht. Wenn du eine Seite bevorzugst, fuehlten sich das andere Kind ungerecht behandelt, und das naechste Mal streiten sie erst recht. Hilfreicher ist es, den Prozess zu begleiten: Was ist passiert? Was braucht jedes Kind? Wie koennen sie selbst eine Loesung finden?
Was ist der Unterschied zwischen Eingreifen und Schlichten?
Eingreifen bedeutet, den Streit zu unterbrechen und eine Loesung zu diktieren. Schlichten bedeutet, beide Seiten anhoeren und beim Finden einer gemeinsamen Loesung helfen. Letzteres dauert laenger, lehrt aber Faehigkeiten, die Kinder ihr Leben lang brauchen.
Wann muss ich auf jeden Fall eingreifen?
Wenn es koerperlich wird, jemand verletzt wird oder sich gefaehrliche Situationen entwickeln. Auch wenn ein Kind systematisch gemobbt oder ausgegrenzt wird, ist Eingreifen notwendig. Bei verbalen Streitereien um Spielzeug, Regeln oder Aufmerksamkeit ist abwarten und begleiten oft die bessere Wahl.
Wie erklaere ich einem Kind, dass es nicht immer recht haben muss?
Nicht durch Argumente, sondern durch Erfahrung. Kinder lernen, dass Nachgeben manchmal besser ist, wenn sie merken, dass das Spiel danach weitergeht und die Freundschaft erhalten bleibt. Wenn du ihnen zeigst, wie du selbst mit Kompromissen umgehst, ist das wirkungsvoller als jede Erklaerung.
Redaktioneller Hinweis: Dieser Artikel wurde von der Kinwords-Redaktion verfasst und befindet sich derzeit in kinderpsychologischer Review. Fuer konkrete psychotherapeutische Einschaetzungen wende dich an eine Fachkraft.
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