Von der Kinwords Redaktion

Kind schielt: Was tun? Behandlung, Pflaster und Schule

Dein Kind schielt? So erkennst du sichtbares und verstecktes Schielen, was Brille und Abkleben bringen und wie die Pflaster-Therapie im Schulalltag klappt.

Kinwords Redaktion 8 Min. Lesezeit

Kurz gesagt: Wenn dein Kind schielt, lass es zeitnah augenärztlich untersuchen, am besten in einer Praxis mit Orthoptistin. Schielen wächst sich nicht aus. Unbehandelt kann das schielende Auge dauerhaft schwachsichtig werden, weil das Gehirn sein Bild ausblendet. Die Behandlung besteht meist aus einer Brille und dem stundenweisen Abkleben des besseren Auges, manchmal folgt eine Operation. Je früher sie beginnt, desto besser wirkt sie, aber auch bei Schulkindern lohnt sie sich oft noch.

Vielleicht ist es dir auf einem Foto aufgefallen, vielleicht hat die Lehrerin etwas gesagt, oder dein Kind kneift beim Lesen ständig ein Auge zu. Schielen ist häufig: Schätzungen zufolge sind etwa 4 bis 6 von 100 Kindern betroffen. Die gute Nachricht ist, dass es sich gut behandeln lässt, wenn man es rechtzeitig angeht. Dieser Ratgeber erklärt dir, worauf du achten kannst, was bei der Untersuchung passiert und wie ihr die Behandlung im Familien- und Schulalltag schafft.

Was bedeutet Schielen beim Kind?

Beim Schielen, medizinisch Strabismus, schauen die beiden Augen nicht genau auf denselben Punkt. Ein Auge weicht nach innen, außen, oben oder unten ab. Das kann ständig so sein oder nur zeitweise, etwa wenn dein Kind müde ist oder in die Ferne schaut. Oft steckt eine nicht korrigierte Weitsichtigkeit dahinter, manchmal liegt es in der Familie. Seltener sind andere Erkrankungen der Grund, deshalb gehört jedes Schielen ärztlich abgeklärt.

Bei Babys wirken die Augen in den ersten Lebensmonaten manchmal noch unkoordiniert. Das ist normal. Schielt ein Kind nach etwa dem sechsten Lebensmonat noch, oder beginnt es später damit, sollte eine Augenärztin oder ein Augenarzt draufschauen. Manche Kleinkinder sehen übrigens nur so aus, als würden sie schielen, weil ihr Nasenrücken noch breit ist. Auch das klärt die Untersuchung.

Sichtbares und verstecktes Schielen: Woran erkennst du es?

Deutliches Schielen siehst du oft selbst. Viel tückischer ist das versteckte Schielen. Beim sogenannten Mikrostrabismus weicht ein Auge nur so minimal ab, dass es von außen niemand bemerkt, auch nicht die Kinderärztin bei einem kurzen Blick. Das Kind wirkt völlig unauffällig, sieht aber auf einem Auge schlechter. Weil das andere Auge alles ausgleicht, beschwert es sich meist nicht.

Diese Zeichen können auf Schielen oder eine Sehschwäche hinweisen:

  • ein Auge steht sichtbar schief, dauerhaft oder in bestimmten Momenten
  • dein Kind kneift häufig ein Auge zu, vor allem in hellem Licht oder beim Lesen
  • es hält den Kopf schräg oder dreht ihn zur Seite, um besser zu sehen
  • es reibt sich oft die Augen, hat Kopfschmerzen oder wird beim Lesen schnell müde
  • es stolpert auffällig oft, greift daneben oder hat Mühe beim Ballfangen
  • es verrutscht beim Lesen in der Zeile oder verliert schnell die Stelle
  • auf Blitzfotos leuchten die Pupillen unterschiedlich

Keines dieser Zeichen beweist etwas. Fällt dir aber mehreres auf, oder gibt es in deiner Familie Schielen oder starke Fehlsichtigkeit, lass die Augen untersuchen. Mehr allgemeine Hinweise findest du im Ratgeber Sehschwäche beim Kind erkennen.

Warum frühe Behandlung so wichtig ist: das Risiko Schwachsichtigkeit

Schielt ein Auge, bekommt das Gehirn zwei verschiedene Bilder. Damit es keine Doppelbilder sieht, blendet es das Bild des abweichenden Auges einfach aus. Bei Kindern passiert das sehr schnell. Wird dieses Auge über längere Zeit nicht genutzt, lernt es nie richtig scharf zu sehen. Diese Schwachsichtigkeit heißt Amblyopie. Sie lässt sich nicht mit einer Brille allein korrigieren, weil nicht das Auge selbst, sondern die Verarbeitung im Gehirn betroffen ist.

Das Sehen entwickelt sich in den ersten Lebensjahren besonders stark. Je früher eine Schwachsichtigkeit behandelt wird, desto größer ist die Chance, dass das Auge eine gute Sehschärfe erreicht. Lange hieß es, nach dem Schuleintritt sei kaum noch etwas zu machen. Heute weiß man, dass auch viele Schulkinder durch konsequente Behandlung noch deutlich besser sehen lernen. Die Wirkung ist meist kleiner und braucht mehr Geduld, aber aufgeben musst du nicht.

Untersuchung bei Augenärztin und Orthoptistin: Was passiert da?

Die erste Anlaufstelle ist die Kinderarztpraxis oder direkt eine augenärztliche Praxis. Viele Augenarztpraxen arbeiten mit einer Orthoptistin zusammen. Das ist eine Fachkraft, die auf Schielen, Augenbewegungen und Schwachsichtigkeit spezialisiert ist. Sie macht die meisten Tests, die Augenärztin stellt die Diagnose und legt die Behandlung fest.

  • Abdecktest: Ein Auge wird kurz abgedeckt. Bewegt sich das andere Auge dabei, verrät das auch kleines Schielen.
  • Sehtest für jedes Auge einzeln: Mit Bildern oder Buchstaben, je nach Alter. Ein Unterschied zwischen beiden Augen ist ein wichtiger Hinweis auf Mikrostrabismus.
  • Augentropfen: Sie stellen die Pupillen für einige Stunden weit, damit sich Weit- oder Kurzsichtigkeit genau messen lässt. Dein Kind sieht danach eine Weile verschwommen und ist lichtempfindlich, plane deshalb einen ruhigen Nachmittag ohne Schule ein.
  • Blick in den Augenhintergrund: Damit werden andere Ursachen ausgeschlossen.

In Deutschland gehören Seh-Checks zu den Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt. In Österreich sind im Eltern-Kind-Pass augenärztliche Untersuchungen im Kleinkindalter vorgesehen, in der Schweiz prüfen Kinderarztpraxis und schulärztlicher Dienst das Sehen. Diese Screenings sind wertvoll, ersetzen bei Verdacht aber keine gründliche Untersuchung in der Fachpraxis.

Wie wird Schielen behandelt? Brille, Abkleben und Operation

Die Behandlung hat zwei Ziele: Das schwächere Auge soll gut sehen lernen, und beide Augen sollen möglichst zusammenarbeiten. Meist läuft sie in Schritten ab.

  • Brille: Ist dein Kind weitsichtig, kann schon die passende Brille das Schielen verringern oder ganz beheben. Sie muss den ganzen Tag getragen werden, nicht nur zum Lesen. Wenn dein Kind sich dagegen sträubt, hilft der Ratgeber Kind will keine Brille tragen.
  • Abkleben (Okklusion): Das bessere Auge wird stundenweise mit einem Augenpflaster abgedeckt. So muss das schwächere Auge arbeiten und das Gehirn lernt, sein Bild wieder zu nutzen. Das ist die wichtigste Behandlung gegen Schwachsichtigkeit.
  • Augentropfen statt Pflaster: In manchen Fällen verschreibt die Praxis Tropfen, die das bessere Auge vorübergehend unscharf sehen lassen. Das wirkt ähnlich wie das Pflaster und ist für manche Kinder leichter.
  • Operation: Bleibt trotz Brille ein deutlicher Schielwinkel, kann eine Operation an den Augenmuskeln die Augen gerader stellen. Sie ersetzt das Abkleben aber nicht, denn eine Schwachsichtigkeit bleibt nach der Operation bestehen, wenn sie vorher nicht behandelt wurde.

Wie viele Stunden am Tag dein Kind das Pflaster tragen soll und wie lange die Behandlung dauert, legt die Praxis fest. Regelmäßige Kontrollen alle paar Wochen bis Monate gehören dazu. Halte die Termine ein und verändere die Pflasterzeiten nicht auf eigene Faust, auch wenn es gerade mühsam ist.

Pflaster-Therapie im Schulalltag: So klappt es

Mit dem Pflaster sieht dein Kind anfangs deutlich schlechter. Das ist anstrengend und manchmal frustrierend, besonders für Schulkinder, die gerade lesen und schreiben lernen. Ein paar Dinge machen es leichter:

  • Zeiten klug legen: Frag in der Praxis, ob die Pflasterstunden am Nachmittag, beim Spielen oder am Wochenende liegen können. Dann bleibt die Schule pflasterfrei.
  • Sinnvoll beschäftigen: Das schwächere Auge lernt am meisten bei Aufgaben, die genaues Hinschauen brauchen: malen, puzzeln, Lego bauen, ausschneiden, Bilderbücher anschauen. Für kurze Zeit darf das auch ein Spiel auf dem Tablet sein.
  • Lehrkraft informieren: Muss das Pflaster in den Unterricht, erklär der Klassenlehrkraft kurz, warum. Ein Platz weit vorne, ein gut lesbares Tafelbild, größere Schrift auf Arbeitsblättern und etwas mehr Zeit bei schriftlichen Aufgaben helfen sehr. Auch die Sportlehrkraft sollte Bescheid wissen, weil räumliches Sehen eingeschränkt ist.
  • Lesen und Schreiben nicht erzwingen: Hausaufgaben mit Pflaster dauern länger. Plane mehr Zeit ein und lob die Anstrengung, nicht nur das Ergebnis.
  • Haut schonen: Wechsel die Pflastermarke, wenn die Haut gereizt ist, und zieh das Pflaster langsam ab. Es gibt hautfreundliche Varianten für empfindliche Kinder.

Bei einer deutlichen Sehbehinderung kann ein Nachteilsausgleich möglich sein, zum Beispiel mehr Zeit bei Prüfungen. Die Regeln dafür sind in Deutschland je nach Bundesland, in Österreich je nach Schulart und in der Schweiz je nach Kanton verschieden. Frag am besten bei der Schulleitung nach und bring einen augenärztlichen Befund mit.

Wenn andere Kinder wegen Pflaster oder Brille hänseln

Ein Pflaster mitten im Gesicht fällt auf, und Kinder kommentieren, was anders ist. Meist ist das Neugier, manchmal wird daraus Spott. Bereite dein Kind darauf vor, indem ihr gemeinsam eine kurze, selbstbewusste Antwort übt, etwa: Mein Auge macht gerade Training, damit es besser sieht. Kinder, die selbst erklären können, was los ist, nehmen anderen oft den Wind aus den Segeln.

Hilfreich ist auch, wenn die Lehrkraft die Sache in der Klasse kurz und positiv anspricht. Bunte oder bemalte Pflaster machen aus dem Muss bei jüngeren Kindern manchmal ein kleines Markenzeichen. Hört das Hänseln nicht auf oder zieht sich dein Kind zurück, sprich mit der Schule. Wie du dein Kind dabei stärkst, liest du im Ratgeber Kind wird wegen Brille gehänselt.

Wann du sofort ärztlich abklären solltest

Meist ist Schielen kein Notfall, aber ein Fall für einen baldigen Termin. Anders ist es, wenn ein Schulkind plötzlich zu schielen beginnt, über Doppelbilder klagt, starke Kopfschmerzen hat, erbricht, ein Lid herabhängt oder sich nach einem Unfall am Kopf das Sehen verändert. Dann lass es noch am selben Tag ärztlich untersuchen. Außerhalb der Praxiszeiten hilft in Deutschland der Bereitschaftsdienst unter 116 117, in Österreich die Gesundheitshotline 1450. Im Notfall wählst du 112 in Deutschland und 144 in Österreich und der Schweiz.

Hinweis: Dieser Ratgeber gibt allgemeine Informationen und ersetzt keine augenärztliche Untersuchung. Ob und wie dein Kind behandelt werden muss, kann nur eine Fachpraxis beurteilen. Bei plötzlichem Schielen, Doppelbildern oder Sehstörungen nach einem Unfall lass dein Kind noch am selben Tag untersuchen, im Notfall unter 112 in Deutschland oder 144 in Österreich und der Schweiz.

Häufige Fragen

Wächst sich Schielen bei Kindern von selbst aus?

Nein. Bei Babys in den ersten Lebensmonaten können die Augen noch kurz unkoordiniert wirken, das ist normal. Schielt ein Kind danach weiterhin, auch nur zeitweise, verschwindet das nicht von allein. Lass es augenärztlich abklären, denn unbehandelt kann sich auf dem schielenden Auge eine dauerhafte Schwachsichtigkeit entwickeln.

Was ist verstecktes Schielen oder Mikrostrabismus?

Beim Mikrostrabismus weicht ein Auge nur so minimal ab, dass man es von außen nicht sieht. Gerade deshalb bleibt er oft lange unentdeckt. Das Gehirn kann das Bild dieses Auges trotzdem unterdrücken, sodass es schwachsichtig wird. Aufgedeckt wird er meist bei einer augenärztlichen oder orthoptischen Untersuchung, zum Beispiel wenn ein Sehtest ungleich ausfällt.

Lohnt sich eine Behandlung bei Schulkindern noch?

Ja, oft schon. Am besten wirkt die Behandlung einer Schwachsichtigkeit im Kleinkind- und Kindergartenalter, weil sich das Sehen dann noch stark entwickelt. Studien zeigen aber, dass auch viele Schulkinder durch Brille und Abkleben noch Sehschärfe gewinnen. Wie viel möglich ist, schätzt die Augenärztin oder der Augenarzt im Einzelfall ein.

Wie lange muss mein Kind das Augenpflaster tragen?

Das legt die Augenärztin oder die Orthoptistin individuell fest. Häufig sind es einige Stunden am Tag, manchmal auch nur an bestimmten Tagen. Die Behandlung dauert meist Monate, manchmal länger, und wird regelmäßig kontrolliert. Wichtig ist, die Zeiten wirklich einzuhalten und nicht eigenmächtig zu verlängern oder abzubrechen.

Muss mein Kind das Pflaster auch in der Schule tragen?

Nicht unbedingt. Oft lassen sich die Pflasterzeiten auf den Nachmittag oder das Wochenende legen. Sprich mit der Praxis offen darüber, wenn die Schule schwierig ist. Muss das Pflaster in den Unterricht, hilft es, die Lehrkraft zu informieren, damit sie bei Tafelbild, Sitzplatz und Sport Rücksicht nimmt.

Wann ist eine Schiel-Operation nötig?

Eine Operation an den Augenmuskeln kommt infrage, wenn ein deutlicher Schielwinkel trotz Brille bleibt. Sie richtet die Augen gerader aus und kann das beidäugige Sehen verbessern. Eine bestehende Schwachsichtigkeit behebt sie aber nicht, deshalb wird vorher und oft auch danach weiter abgeklebt. Ob und wann operiert wird, entscheidet die augenärztliche Fachpraxis.

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