Ratgeber6 Min. LesezeitKinwords Redaktion

Falsches Selbstbild: Wenn Kinder sich selbst zu schlecht oder zu gut einschätzen

Kurz gesagt: Ein realistisches Selbstbild entwickelt sich langsam und braucht konkrete Erfahrungen, nicht nur Lob oder Korrektur. Eltern können helfen, indem sie Erfolge und Misserfolge gleich ernst nehmen und mit dem Kind darüber sprechen, was genau passiert ist.

Was ein realistisches Selbstbild bedeutet

Kein Kind hat ein perfekt realistisches Selbstbild, und das ist auch nicht das Ziel. Das Ziel ist ein Selbstbild, das flexibel genug ist, um neue Erfahrungen aufzunehmen. Ein Kind, das sich nach einem Misserfolg neu einschätzen kann, ohne sich komplett abzuschreiben. Oder eines, das einen Erfolg genießen kann, ohne daraus zu schließen, dass es nun in allem gut ist.

Selbstbild entsteht aus Erfahrungen, aus Rückmeldungen von anderen und aus der Art, wie Eltern auf Leistung reagieren. Kinder nehmen sehr genau wahr, ob du enttäuscht bist, wenn sie eine schlechte Note heimbringen, oder ob du vor allem fragst, was sie verstanden haben.

Wenn Kinder sich dauerhaft unterschätzen

"Ich kann das nicht", "Ich bin zu dumm dafür", "Ich bin immer der Schlechteste": Solche Sätze klingen wie Selbstmitleid, aber dahinter steckt meistens echte Überzeugung. Das Kind glaubt, was es sagt.

Chronische Selbstunterschätzung hat verschiedene Wurzeln. Manchmal liegt sie an wiederholten Misserfolgen in einem Bereich, der dem Kind wichtig ist. Manchmal an Vergleichen mit Geschwistern oder Klassenkameraden, die in diesem Bereich stärker sind. Manchmal an unbeabsichtigten Kommentaren von Lehrkräften oder Eltern, die hängengeblieben sind.

Was hilft: nicht widersprechen, sondern nachfragen. "Was macht dich so sicher, dass du das nicht kannst?" Und dann gezielt auf konkrete Gegenbeispiele zeigen, nicht als Widerlegung, sondern als Einladung, die Einschätzung zu überprüfen. "Stimmt das wirklich, oder gibt es Situationen, in denen es doch geklappt hat?"

Wenn Kinder sich dauerhaft überschätzen

Das ist weniger offensichtlich als ein Problem. Aber ein Kind, das dauerhaft meint, besser zu sein als es ist, wird irgendwann von der Realität eingeholt. Und das kann hart sein, wenn es keine Übung darin hat, Rückmeldungen zu verarbeiten.

Überschätzung ist bei jüngeren Kindern normal. Bis etwa acht Jahren schützt sie vor Resignation und ist entwicklungspsychologisch sinnvoll. Problematisch wird es, wenn ein Kind mit zehn oder elf Jahren noch keine Fähigkeit entwickelt hat, Kritik anzunehmen, wenn es auf Rückmeldungen mit Wut reagiert oder Fehler grundsätzlich bei anderen sucht.

Was nicht hilft: das Kind durch direkte Kritik zurechtweisen. Was hilft: Situationen schaffen, in denen das Kind echtes Feedback von Gleichaltrigen bekommt, das du nicht steuern kannst. Sport im Verein, Schultheater, Gruppenarbeiten. Die Wirklichkeit ist oft der bessere Lehrer als ein Elterngespräch.

Was Eltern konkret tun können

Lob präzise formulieren. Nicht "Du bist so klug", sondern "Du hast lange an dieser Aufgabe drangeblieben und sie dann doch gelöst." Das erste lobt eine Eigenschaft, die das Kind nicht beeinflussen kann. Das zweite lobt ein Verhalten, das es wiederholen kann.

Misserfolge nicht kleinreden. "Macht nichts, das nächste Mal klappt es" nimmt zwar den Druck, sagt dem Kind aber auch, dass Misserfolge nichts bedeuten. Besser: "Das war schwierig. Was hat dich dabei am meisten frustriert?" Dann habt ihr ein echtes Gespräch.

Eigene Einschätzungen laut machen. Wenn du selbst sagst "Ich bin gut im Planen, aber beim Zeichnen brauche ich länger", zeigst du, dass ein realistisches Selbstbild aus verschiedenen Stärken und Schwächen besteht und das vollkommen normal ist.

Wann professionelle Unterstützung sinnvoll ist

Wenn dein Kind seit Monaten täglich negative Selbstaussagen macht und diese sich auf seinen Schulalltag oder seine sozialen Kontakte auswirken, ist ein Gespräch beim Schulpsychologischen Dienst ein guter erster Schritt. Der Dienst ist kostenlos und ohne Warteliste erreichbar, zumindest in den meisten Bundesländern.

Bei einer ausgeprägten Selbstunterschätzung, die schon länger besteht, kann auch eine Kinderpsychotherapie sinnvoll sein. Das ist kein Zeichen, dass du als Elternteil versagt hast. Es ist ein Zeichen, dass dein Kind Unterstützung braucht, die über das hinausgeht, was Eltern allein leisten können.

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Häufige Fragen

Mein Kind sagt immer 'Ich bin das Schlechteste in der Klasse' – stimmt das, oder ist das ein Selbstschutzmechanismus?

Meistens ist es beides gleichzeitig. Das Kind glaubt es wirklich, zumindest in dem Moment. Und gleichzeitig schützt es sich damit vor Enttäuschung: Wer gar nichts erwartet, kann nicht tief fallen. Frag nicht, ob es stimmt, sondern was dein Kind zu dieser Einschätzung gebracht hat. Welche konkreten Erlebnisse stecken dahinter?

Mein Kind denkt, es ist besser als alle anderen, obwohl die Noten das nicht zeigen. Ist das normal?

Bei jüngeren Kindern bis etwa acht Jahren ist Selbstüberschätzung entwicklungspsychologisch normal und sogar sinnvoll: Sie schützt vor Resignation und hält die Lernmotivation hoch. Wenn das Muster aber mit zehn oder elf Jahren noch sehr ausgeprägt ist und dein Kind auf Rückmeldungen gar nicht reagieren kann, ist ein genaueres Hinschauen sinnvoll.

Wie spreche ich mit meinem Kind über sein Selbstbild, ohne es zu verletzen?

Konkret statt allgemein. Nicht 'Du bist eigentlich gut in Mathe', sondern 'Weißt du noch, dass du letzte Woche diese schwierige Aufgabe selbst gelöst hast?' Kinder vertrauen Beispielen mehr als Bewertungen. Und: Frag öfter, was dein Kind selbst denkt, bevor du deine Einschätzung gibst.

Redaktioneller Hinweis: Dieser Artikel wurde von der Kinwords-Redaktion verfasst und befindet sich derzeit in kinderpsychologischer Review. Für konkrete psychotherapeutische Einschätzungen wende dich an eine Fachkraft.

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