Ratgeber5 Min. LesezeitKinwords Redaktion

Kind hat Angst vor Fehlern: Wie Eltern Perfektionismus abbauen

Kurz gesagt: Kinder, die Fehler katastrophisch finden, haben oft gelernt, dass Fehler gefährlich sind. Das lässt sich ändern, aber nicht durch Reden allein. Was hilft, ist konkretes Vorleben: Eltern, die eigene Fehler offen zugeben und zeigen, wie man damit umgeht.

Das Kind radiert so lange, bis das Papier reißt. Es fängt die Zeichnung dreimal neu an, weil eine Linie nicht stimmt. Es verweigert die Hausaufgaben, weil es Angst hat, etwas falsch zu machen. Und wenn dann doch ein Fehler passiert, bricht eine Welt zusammen.

Eltern fragen sich: Woher kommt das? Und vor allem: Wie kommt das Kind da wieder raus?

Woher kommt die Angst vor Fehlern

Fehler wurden bestraft oder bewertet

Nicht immer explizit. Manchmal reicht es, dass das Kind gemerkt hat: Wenn ich einen Fehler mache, ist die Stimmung schlechter. Die Lehrkraft seufzt. Die Eltern schauen besorgt. Das Kind zieht daraus einen Schluss: Fehler sind schlecht, ich darf keine machen.

Fehler wurden mit der Person gleichgesetzt

Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen "Diese Aufgabe ist falsch" und "Du hast das falsch gemacht". Kinder hören den Unterschied nicht immer. Sie verstehen: Ich habe einen Fehler gemacht, also bin ich nicht gut genug. Das ist der Kern vieler Fehlerangst.

Vorbild spielt eine Rolle

Kinder beobachten, wie Erwachsene mit Fehlern umgehen. Wenn Eltern eigene Fehler nicht zugeben, sich schämen oder sehr ärgerlich darüber werden, lernt das Kind: So verhält man sich bei Fehlern. Das passiert nicht absichtlich, aber es passiert.

Wie Perfektionismus sich zeigt

Nicht immer als offensichtliche Angst. Manche Kinder vermeiden Aufgaben, weil sie nicht riskieren wollen, einen Fehler zu machen. Sie sagen "Ich will nicht" statt "Ich habe Angst, es falsch zu machen". Andere fangen immer wieder neu an, statt eine Sache fertig zu stellen. Wieder andere werden nach einem Fehler so aufgewühlt, dass sie für den Rest des Tages kaum funktionieren.

Gemeinsam ist: Der Anspruch, alles richtig zu machen, kostet mehr Energie als das Lernen selbst.

Was Eltern im Alltag tun können

Das Wirksamste ist Vorleben. Wenn die Eltern beim Kochen etwas anbrennen und sagen "Ups, das ist zu heiß geworden, ich mach das nochmal anders", dann sieht das Kind: Fehler passieren, man redet kurz darüber und macht weiter. Kein Drama, keine Schande.

Konkret helfen auch diese Dinge:

  • Nach einem Fehler fragen: "Was hast du daraus gelernt?" statt "Wie konnte dir das passieren?"
  • Zeigen, dass Fehler zum Prozess gehören. Wer Fahrrad fährt, fällt. Wer ein Instrument lernt, spielt falsche Töne. Das ist normal, nicht katastrophal.
  • Lob nicht nur für Ergebnisse, sondern für das Dranbleiben nach einem Fehler. "Ich finde es gut, dass du das nochmal versucht hast."
  • Nicht jede Lösung des Kindes verbessern. Manchmal darf etwas nicht perfekt sein und trotzdem fertig.

Was Fehler lehren können

Kinder lernen nicht beim ersten richtigen Versuch. Sie lernen, wenn etwas nicht klappt und sie es trotzdem weiterversuchen. Das klingt offensichtlich, aber viele Kinder bekommen nie die Chance, diese Erfahrung zu machen, weil Eltern oder Lehrkräfte zu schnell eingreifen.

Ein Kind, das einen Fehler macht und damit umgehen lernt, übt eine Fähigkeit, die wichtiger ist als jede Note: Es lernt, dass es Niederlagen übersteht. Das ist der Grundstein von Belastbarkeit.

Wann ist es zu viel

Wenn das Kind wegen Fehlern regelmäßig weint, sich selbst beschimpft, Aufgaben dauerhaft verweigert oder körperliche Symptome wie Bauchschmerzen bekommt, sobald Bewertungssituationen auftauchen, ist es mehr als normaler Perfektionismus. Das ist dann ein Zeichen, dass das Kind in einem Kreislauf steckt, aus dem es alleine nicht herauskommt.

In diesem Fall kann ein Gespräch mit einem Kinderpsychologen helfen. Nicht als letzter Ausweg, sondern als frühe Unterstützung, bevor sich das Muster weiter festigt.

Weiterlesen

Häufige Fragen

Ist Perfektionismus beim Kind immer ein Problem?

Nicht automatisch. Ein Kind, das sorgfältig arbeitet und eigene Maßstäbe hat, ist nicht perfektionistisch im problematischen Sinne. Problematisch wird es, wenn das Kind vor Aufgaben zurückschreckt, weil es Angst hat, sie nicht perfekt zu lösen. Oder wenn ein einziger Fehler dazu führt, dass das Kind aufgibt, weint oder die ganze Arbeit als gescheitert betrachtet. Dann kostet der Anspruch mehr, als er bringt.

Was sage ich, wenn mein Kind nach einem Fehler weint?

Nicht sagen: 'Das ist doch nicht so schlimm' oder 'Stell dich nicht so an'. Das wertet die Reaktion des Kindes ab, ohne etwas zu ändern. Besser: erst anerkennen, dass es sich schlimm anfühlt. 'Ich sehe, dass dich das gerade sehr trifft.' Dann, wenn das Kind ruhiger ist, nachfragen: 'Was ist passiert?' Nicht als Verhör, sondern mit echter Neugier. Das öffnet ein Gespräch, statt es zu beenden.

Hängt die Angst vor Fehlern mit Bewertungssituationen wie Schulnoten zusammen?

Sehr häufig ja. Wenn ein Kind früh erlebt, dass Fehler in der Schule Konsequenzen haben, die sich wie persönliche Niederlagen anfühlen, also schlechte Noten, Kritik vor der Klasse, enttäuschte Eltern, dann lernt es: Fehler sind gefährlich. Das überträgt sich auf andere Bereiche. Eltern können gegensteuern, indem sie zu Hause bewusst anders mit Fehlern umgehen, also offen und ohne Drama.

Redaktioneller Hinweis: Dieser Artikel wurde von der Kinwords-Redaktion verfasst und befindet sich derzeit in kinderpsychologischer Review. Für konkrete psychotherapeutische Einschätzungen wende dich an eine Fachkraft.

Weitere Beiträge in der Leseecke

Zum Magazin

Deine Situation ist anders?

Starte eine kostenlose Beratung. Beschreib dein konkretes Anliegen und Kinwords gibt dir in zwei Minuten personalisierte Gesprächs-Formulierungen für genau deinen Fall.

Kostenlos starten

Ein Ratgeber der Woche und ein Gesprächs-Starter, den du heute Abend mit deinem Kind ausprobieren kannst. Kein Spam, jederzeit abbestellbar.