6 Min. Lesezeit·Kinwords-Redaktion

Kind hat Angst zu versagen: Wie Eltern helfen, ohne Druck zu machen

Dein Kind gibt eine Aufgabe nicht ab, weil es Angst hat, dass sie nicht gut genug ist. Es weint, wenn bei einem Spiel etwas schiefgeht. Es sagt, es kann das sowieso nicht. Das sind keine Launen, das ist echter Schmerz. Und er hat einen Namen: Versagensangst.

Woher die Angst kommt

Versagensangst entsteht nicht dadurch, dass Eltern zu streng sind. Sie entsteht oft subtiler: Ein Kind merkt frueh, dass Erfolge Lob bringen und Fehler Enttaeuschung. Es lernt: Mein Wert haengt davon ab, was ich leiste. Irgendwann vermeidet es Situationen, in denen es scheitern koennte, weil das zu schmerzhaft waere.

Manchmal spielt auch das Temperament eine Rolle. Kinder, die von Natur aus sehr sensibel auf Kritik reagieren oder sehr genau beobachten, was andere von ihnen denken, entwickeln haeufiger solche Muster. Das ist keine Schwaerke, aber es bedeutet, dass sie mehr Unterstuetzung brauchen, mit Rueckschlaegen umzugehen.

Auch der Vergleich in der Schule kann Versagensangst verstaerken. Wenn ein Kind regelmaessig mitbekommt, dass andere schneller fertig sind, lauter gelobt werden oder bessere Noten haben, fuehlt es sich schnell zurueckgelassen, auch wenn das gar nicht stimmt.

Wie Eltern die Angst ungewollt verstaerken

Gut gemeinte Saetze koennen das Gegenteil bewirken. "Du bist so klug, das schaffst du" klingt ermutigend, sagt dem Kind aber: Ich bin nur wertvoll, wenn ich das schaffe. Wenn es dann scheitert, ist der Sturz tiefer.

Auch zu viel Helfen kann Versagensangst bestaerken. Wenn Eltern bei der kleinsten Schwierigkeit sofort einspringen, lernt das Kind: Ich schaffe das nicht allein. Das erzeugt Abhaengigkeit und Zweifel an der eigenen Faehigkeit.

Und schliesslich: wenn Fehler im Familienalltag als schlimm oder peinlich behandelt werden, ob beim Gesellschaftsspiel, beim Kochen oder beim Sport, lernt das Kind, dass Fehler etwas sind, das man vermeiden muss, statt etwas, woraus man lernt.

Was du stattdessen tun kannst

Lob den Weg, nicht das Ergebnis. Statt "Super, eine Eins!" lieber: "Ich hab gesehen, wie viel du geubt hast. Das hat sich gelohnt." Und wenn es nicht klappt: "Du hast es trotzdem versucht. Das ist das Wichtige."

Zeig selbst, wie du mit Fehlern umgehst. Wenn du beim Kochen etwas anbrennen laesst, mach kein Drama draus: "Ach, das ist passiert. Dann nehmen wir was anderes." Kinder lernen mehr durch Beobachten als durch Erklaerungen.

Lass dein Kind Dinge zu Ende bringen, auch wenn es laenger dauert. Widerstand beim ersten Nicht-Klappen auszuhalten und trotzdem weiterzumachen, ist eine Faehigkeit, die man ueben kann. Dein Job ist dabei nicht, es einfacher zu machen, sondern dabei zu sein.

Benutze konkrete Saetze wie: "Fehler gehoeren dazu. Auch ich mache staendig welche." Oder: "Ich bin nicht stolz, weil du eine gute Note hast. Ich bin stolz, weil du dich rangehalten hast." Das klingt klein, aber es verschiebt, was im Kopf deines Kindes zaehlt.

Wann du dir Hilfe holen solltest

Wenn dein Kind regelmaessig den Schulbesuch verweigert, sich selbst staendig abwertet oder die Angst es daran hindert, Dinge zu versuchen, ist es sinnvoll, eine Fachkraft hinzuzuziehen. Der schulpsychologische Dienst ist kostenlos und direkt ueber die Schule erreichbar. Erziehungsberatungsstellen gibt es in fast jeder Stadt, ebenfalls ohne Kosten.

Versagensangst ist behandelbar. Kinder lernen, anders auf Fehler zu reagieren. Aber das braucht Zeit und manchmal professionelle Begleitung, die ueber das hinausgeht, was Eltern allein leisten koennen.

Haeufige Fragen

Woher weiß ich, ob mein Kind wirklich Versagensangst hat?

Typische Zeichen: Dein Kind vermeidet Aufgaben, bei denen es nicht sicher ist, ob es sie schafft. Es bricht zusammen, wenn etwas nicht klappt, auch bei Kleinigkeiten. Es fragt sehr oft nach, ob etwas gut ist, bevor es abgegeben wird. Es sagt oft Dinge wie 'Ich kann das sowieso nicht' oder 'Ich bin zu dumm dafuer'. Diese Muster allein sind noch kein Grund zur Sorge, aber wenn sie sich wiederholen und das Kind dadurch im Alltag eingeschraenkt ist, lohnt ein Gespraech mit dem Schulpsychologischen Dienst.

Helfen Lob und Anerkennung, wenn mein Kind Angst vor Fehlern hat?

Kommt darauf an, was du lobst. Lob fuer das Ergebnis ('Du bist so klug!') kann Versagensangst verstaerken, weil das Kind denkt: Wenn ich mal etwas nicht schaffe, ist das Lob weg. Besser ist Lob fuer den Weg: 'Du hast das wirklich lange durchgehalten', 'Du hast es nochmal versucht, obwohl es schwer war'. Das zeigt, dass Anstrengung zaehlt, nicht nur Erfolg.

Mein Kind will gar nicht mehr zur Schule. Haengt das mit Versagensangst zusammen?

Kann sein. Wenn ein Kind mit regelmaessigen Bauchschmerzen, Kopfschmerzen oder Trotzreaktionen vor der Schule reagiert, kann dahinter die Angst stecken, dort zu scheitern oder blosszustehen. Das sollte ernst genommen werden. Ein erstes Gespraech mit dem Klassenlehrer oder der Schulberatung klaert, was in der Schule passiert. Wenn die koerperlichen Beschwerden regelmaessig auftreten, ist auch eine aerztliche Abklaerung sinnvoll.

Wie gehe ich damit um, wenn mein Kind bei Hausaufgaben ausrastet oder alles hinwirft?

Bleib ruhig und mach keine Bewertung der Reaktion. Sag nicht 'Stell dich nicht so an'. Anerkenne stattdessen: 'Ich sehe, dass das gerade richtig schwer fuer dich ist.' Dann eine kurze Pause, bevor ihr weitermacht. Wenn das haeufig passiert, schau, ob die Aufgaben zu schwer sind oder ob dahinter etwas anderes steckt. Manchmal ist auch schlicht Erschoepfung nach einem langen Schultag der Grund.

Ab wann sollte ich professionelle Hilfe suchen?

Wenn dein Kind ueber mehrere Wochen hinweg den Schulbesuch verweigert, sich regelmaessig selbst abwertet, oder wenn die Angst es daran hindert, am Alltag teilzunehmen, ist eine Fachkraft sinnvoll. Anlaufstellen: der schulpsychologische Dienst (kostenlos, ueber die Schule erreichbar), der Kinderarzt, oder eine Erziehungsberatungsstelle in der Naehe. Die Wartezeiten bei Kinder- und Jugendpsychotherapeuten sind leider oft lang, deshalb frueh anfragen.

Was jetzt hilft

  • Lobe den Einsatz, nicht das Ergebnis: "Du hast nicht aufgegeben" zaehlt mehr als "Du bist so klug"
  • Zeig selbst, wie du mit Fehlern umgehst, Kinder lernen mehr durchs Zuschauen als durchs Zuhoeren
  • Bei starker oder anhaltender Angst: schulpsychologischen Dienst ansprechen, kostenlos und ueber die Schule erreichbar

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