Essstörung beim Kind erkennen: Wann du genauer hinschauen solltest
Kurz gesagt: Essstörungen bei Kindern zeigen sich nicht immer durch dramatischen Gewichtsverlust. Oft sind es veränderte Verhaltensweisen rund ums Essen, die als erste Zeichen auftauchen. Wer früh hinschaut, kann früh helfen.
Was eine Essstörung bei Kindern bedeutet
Essstörungen sind keine Phase und kein Charaktermangel. Es sind ernst zu nehmende psychische Erkrankungen, bei denen das Verhältnis zum Essen, zum eigenen Körper oder zur Kontrolle über beides aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Die bekanntesten Formen sind Magersucht (Anorexia nervosa), Bulimie (Essstörung mit selbst herbeigeführtem Erbrechen) und die Binge-Eating-Störung. Daneben gibt es Formen, die weniger klar umrissen sind, zum Beispiel stark eingeschränktes Essen ohne Angst vor Gewicht (ARFID), das besonders bei jüngeren Kindern vorkommt.
Frühe Zeichen, die du bemerken solltest
Kein einzelnes Zeichen ist ein sicherer Beweis. Wenn mehrere dieser Verhaltensweisen zusammen auftreten und sich verfestigen, ist Aufmerksamkeit angebracht:
- Dein Kind lehnt Mahlzeiten häufig ab und erfindet immer neue Gründe (keinen Hunger, Bauchschmerzen, schon gegessen).
- Es macht sich häufig kritische Bemerkungen über seinen Körper.
- Es verschwindet regelmäßig nach dem Essen ins Bad.
- Es sortiert Essen extrem penibel aus, auch dort, wo es das früher nicht getan hat.
- Es spricht viel über Kalorien, Diäten oder das Gewicht anderer.
Körperlich können Zeichen sein: spürbare Gewichtsveränderungen in beide Richtungen, Haarausfall, Kälteempfindlichkeit oder häufige Müdigkeit.
Was ARFID ist und warum es oft übersehen wird
ARFID steht für „Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder”, auf Deutsch in etwa „vermeidend-restriktive Essstörung”. Kinder mit ARFID essen eine sehr kleine Auswahl an Lebensmitteln. Nicht weil sie ihr Gewicht kontrollieren wollen, sondern weil sie starke Abneigungen gegen bestimmte Konsistenzen, Gerüche oder Farben haben.
Das wird oft als Wählerigkeit abgetan. Der Unterschied: Wählerische Kinder essen wenige Lieblingsessen, kennen aber ein breites Spektrum. Kinder mit ARFID haben meistens fünf bis zehn Lebensmittel, die sie akzeptieren, und reagieren bei allem anderen mit echtem Unbehagen bis hin zu Panik.
Was du jetzt tun kannst
Wenn du dir Sorgen machst, erhöhe nicht den Druck bei den Mahlzeiten. Das verstärkt die Essstörung in den meisten Fällen. Stattdessen: Beobachte für zwei Wochen, ohne zu kommentieren, was du siehst. Schreib auf, was dein Kind isst, wie es sich dabei verhält und was sich verändert hat.
Sprich dann mit dem Kinderarzt, bevor du das Thema mit deinem Kind direkt ansprichst. Der Arzt kann körperliche Ursachen ausschließen und eine Überweisung ausstellen.
Wenn dein Kind älter als zehn ist und du das Gespräch suchen willst: Sprich ruhig und ohne Anklage. „Ich merke, dass du beim Essen oft... Ich mache mir Sorgen um dich” funktioniert besser als Diagnosen.
Wann du sofort handeln solltest
Manche Zeichen brauchen keine Beobachtungsphase mehr. Hol dir sofort Hilfe, wenn dein Kind schnell und stark an Gewicht verliert, ohnmächtig wird, sich regelmäßig erbricht oder selbst sagt, dass es sich nicht mehr unter Kontrolle hat.
Essstörungen haben von allen psychischen Erkrankungen die höchste Sterblichkeitsrate. Das klingt erschreckend. Aber es bedeutet auch: Frühzeitige Behandlung funktioniert sehr gut.
Kostenlose, anonyme Beratung bei Essstörungen
- BZgA-Beratungstelefon Essstörungen: 0800-225 55 30 (kostenlos, Mo.–Do. 10–22 Uhr, Fr.–So. 10–18 Uhr)
- Elterntelefon: 0800-111 0 550
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Häufige Fragen
Ab welchem Alter können Essstörungen auftreten?
Essstörungen können schon bei Kindern ab sieben oder acht Jahren auftreten, auch wenn der Häufigkeitsgipfel in der frühen Pubertät liegt. Bei sehr jungen Kindern ist ARFID (selektives Essen) häufiger als klassische Magersucht.
Mein Kind isst sehr wenig, aber der Arzt sagt, es ist alles normal. Was tun?
Vertrau deinem Gefühl und bitte um eine Überweisung zu einer Kinder- und Jugendpsychiatrie oder einer Essstörungs-Ambulanz. Ein Gespräch mit einem Spezialisten ist immer sinnvoll, wenn du dir Sorgen machst.
Kann ich durch falsches Verhalten eine Essstörung verursachen?
Nein. Essstörungen entstehen durch ein Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung, Persönlichkeit und Lebensumständen. Eltern sind nicht die Ursache, können aber ein wichtiger Teil der Lösung sein.
Was ist der Unterschied zwischen Wählerigkeit und einer Essstörung?
Wählerische Kinder essen wenige Lieblingsessen, kennen aber ein breites Spektrum und lehnen neues Essen zwar ab, reagieren aber nicht mit Panik. Kinder mit ARFID haben meistens nur fünf bis zehn akzeptierte Lebensmittel und reagieren bei allem anderen mit echtem Unbehagen.
Redaktioneller Hinweis: Dieser Artikel wurde von der Kinwords-Redaktion verfasst und ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung.
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